Alte Zeiten
Bei der Ausgestaltung von Wettbewerben scheint den Verbänden dieser Welt keine Grenze gesetzt zu sein. Wenn es um die Meisterschaft geht, spielen manche eine Doppelrunde (Bundesliga), eine doppelte Doppelrunde (Scottish Championship), Auf- und Abstiegsrunden (Österreich), eine Dreifachrunde mit Meisterrunde (Schottland und die Schweiz), Konferenzen mit Playoffs (USA) oder ermitteln sogar zweimal im Jahr einen Meister (Argentinien).
Bei Auf- und Abstiegen kommen dann die wildesten Konstellationen dazu. Mal gibt es einen direkten Auf- und Abstieg, mal – wie bis letzte Saison in den Niederlanden – überhaupt keinen zwischen Liga zwei und drei. Mal gibt es eine Relegation, mal Aufstiegsplayoffs. Und dabei geht es dann entweder mit Hin- und Rückspiel zur Sache oder auf neutralem Platz.
Die Pokalwettbewerbe reihen sich hier prächtig ein. Im Coupe de France dürfen grundsätzlich Mannschaften aus allen Spielklassen teilnehmen. In Deutschland sind neben den Bundesligisten vor allem die Landespokalsieger dabei. In Italien steigen die Topteams erst im Achtelfinale ein und haben dort Heimrecht. In England wird das Heimrecht ausgelost, in Deutschland spielen Teams ab Liga drei und darunter im Pokal grundsätzlich zu Hause. In Frankreich dreht sich das Heimrecht erst bei mindestens zwei Spielklassen Unterschied. Die einen spielen mit Verlängerung, in Frankreich geht es bei Gleichstand direkt ins Elfmeterschießen.
Wie komme ich jetzt darauf? Wir haben heute einen Ausflug ins Saarland gemacht und waren beim Pokalspiel des FC Ensdorf gegen die DJK Dillingen. Anlass war dabei gar nicht das Spiel an sich, sondern das sehenswerte Glückauf-Stadion. Die Spiel-Recherche im Vorfeld beschränkte sich deshalb auf ein Minimum. Eine Quelle sprach von einem Kreispokalspiel, eine andere vom Landespokal. Also haben wir uns im Stadion erst einmal gefragt, welchem Wettbewerb wir hier eigentlich gerade beiwohnten.
Im Ground trafen wir auf ein paar kundige lokale Hopper, die uns aufklären konnten. Es ist irgendwie beides. Im Saarland werden zu Beginn der Saison zunächst die vier Kreispokale ausgespielt – Nord, Ost, Süd und West. Die vier Halbfinalisten jedes Kreises qualifizieren sich anschließend für die landesweite Pokalphase. Diese startet Ende Oktober, während die höherklassigen Vereine erst nach und nach in den Wettbewerb einsteigen. Früher hatten wohl immer wieder unterklassige Mannschaften ihre Pokalspiele lieber kampflos abgegeben, als sich von einem übermächtigen und gleichzeitig wenig attraktiven Gegner abschießen zu lassen. Also hat man sich offenbar etwas einfallen lassen.
Das Glückauf-Stadion in Ensdorf wurde 1974 eröffnet. Der Anlass für den Neubau war durchaus sportlicher Natur: Der FC Ensdorf war 1973 in die damals zweitklassige Regionalliga Südwest aufgestiegen und der bisherige Hartplatz genügte den Anforderungen nicht mehr. Mit finanzieller Unterstützung des örtlichen Steinkohlebergwerks entstand deshalb ein Stadion für 12.000 Zuschauer. Die Regionalliga war für den FC Ensdorf allerdings nur ein kurzes Vergnügen. Nach Platz 16 und gerade einmal einem Sieg ging es direkt wieder nach unten. Keine Ahnung, welche Ambitionen der FC Ensdorf damals hatte. Vielleicht sollte es irgendwann einmal in Richtung dessen gehen, was heute die SV Elversberg ist. In der Nachbetrachtung war das Stadion jedenfalls deutlich zu groß dimensioniert.
Heute ist der Ground noch für 5.000 Zuschauer zugelassen. Angst vor ausverkauften Rängen muss man hier allerdings nicht haben. Gerade einmal 80 Zuschauer wollten heute die Zweitrundenpartie sehen.
Das Stadion liegt direkt neben der rund 150 Meter hohen Bergehalde Duhamel. Auf deren „Gipfel“ steht seit 2016 das Saarpolygon. Das Saarpolygon ist eine begehbare Stahlskulptur und erinnert an den im Juni 2012 endgültig beendeten Steinkohlebergbau im Saarrevier. Von der Haupttribüne hat man einen schönen Blick auf das Bauwerk. Ziemlich pittoresk.
Gefühlt steigen jedes Jahr die Eintrittspreise im Fußball. Nur im Saarland scheint die Zeit noch stehen geblieben zu sein. Heutiger Eintritt: 2,50 Euro. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal für so wenig Geld ins Stadion gekommen bin.
Das Spiel fand am Ende einen verdienten Sieger. Ensdorf war über die gesamte Spielzeit die bessere Mannschaft. Das 2:0 haben sich die Gäste mehr oder weniger selbst eingeschenkt. Der Kommentar eines Dillinger Spielers danach: „Wir spielen ohne Torwart.“ Am Thema Teamgeist müssen sie vielleicht nochmal arbeiten.
Durch die völlig unnötige roten Karte gegen einen Ensdorfer Spieler in der 50. Minute kam nochmal kurzzeitig Spannung auf. Dillingen drückte auf den Anschlusstreffer, doch Ensdorf traf in Unterzahl zum 3:0 und brachte das Spiel souverän nach Hause.
Fazit: Ein weiter, aber sehr lohnenswerter Ausflug in einen sehenswerten Ground aus vergangenen Zeiten.
Spielverlauf
- 1:0 Tobias Daub Elfmeter 23.
- 2:0 Nour-Eddine Bouhadi 43.
- FC Ensdorf 50.
- 3:0 Francesco Iacopetta 65.
- 3:1 k.A. 75.
- 4:1 Anas Essalhi 79.
- 4:2 Patrick Müller 85.
- DJK Dillingen 89.
Aufstellung
FC Ensdorf
- Sebastien Houlleim Tor
- Constantin Raducu Grigore
- Pascal Marcellino
- Sebastian Kröber
- Anas Essalhi 83. Giuseppe Allegrotti
- Nour-Eddine Bouhadi 46. Davide Allegrotti
- Francesco Iacopetta 83. Nicola Fortebuono
- Gaetano Volturana 55. Nicola Allegrotti
- Marc D'Agate 46. Attila Hodik
- Ionut Panaite
- Tobias Daub
Trainer Nicola Allegrotti
DJK Dillingen
- Mike Stolpmannim Tor
- Ferdi Berisha 46. Jeffrey Klein
- k.A. 46. k.A.
- k.A.
- Visar Jashari 46. Yigit Can Arslan
- k.A.
- Thanushan A Kannan Niranjan
- Patrick Müller
- Antonino Mancarella 46. k.A.
- Mustafa Gümüs 70. Sefer Efe
- k.A.
Trainer Thomas Steinhauer
Schiedsrichter Tobias Schallmeiner
Weitere Bilder
Persönliche Statistik
- Erstbesuch · Glückauf-Stadion
- Ground #806 · #594 in Deutschland
- Fußball-Ground #650 · #480 in Deutschland
- Sportereignis #1014 · #765 in Deutschland
- Fußballspiel #811 · #614 in Deutschland