Für gewöhnlich mache ich den Quatsch, 100 km zu einem x-beliebigen Kick zu fahren, alleine. Bei Highlight kann ich schon mal den einen oder anderen aus dem Familien- und Freundeskreis motivieren, aber die Landesliga Odenwald interessiert eher niemanden. Doch heute konnte ich mit einem richtigen Groundhopper mitfahren. Und so ergab sich auf der Fahrt ein sehr interessanter Austausch über viele Facetten unseres Hobbys. Die eigene Sicht ist irgendwann “normal”, die der anderen dann umso interessanter. Und auch wenn es viele Gemeinsamkeiten unter den Hoppern gibt, gibt es genauso große Unterschiede. Lass mich mal ein paar Punkte beleuchten
Fußball Puristen vs. andere Sportarten
Geht es um Groundhopping, so ist, wenn nicht näher definiert, Fußball gemeint. Und es ist die Sportart, die auch am besten dafür geeignet ist. Sie bietet einfach die umfangreichste Möglichkeit für die Sammelleidenschaft. Fußball wird in jedem Land der Erde gespielt und in Europa fast in jedem Dorf. Die Menge an Grounds übersteigt bei weitem die Tage im Leben eines Menschen. Egal wie intensiv man das Hopping betreibt, die Ziele gehen nie aus.
Angenommen, man hat nur einen einzigen Tag in Indien und könnte entweder ein Fußball- oder ein Cricketspiel besuchen – wie würde die Entscheidung ausfallen? Ich schätze, 95% der richtigen Groundhopper werden ohne zu Zögern das Fußballspiel wählen. Ich könnte es hingegen nicht übers Herz bringen, den Nationalsport Indiens auszulassen. Ich würde zum Cricket gehen. Leider zählen die gewöhnlichen Apps und Webseiten nur Fußballground und Fußball-Länderpunkte. Ja, der Länderpunkte dort würde mir dann fehlen. Aber das indische Sport-Highlight ausgelassen zu haben, würde mir noch mehr fehlen.
Im Großen und Ganzen habe ich meinen Fokus schon auf Fußball. Es ist einfach so leicht, Spiele und Ground zu finden. Und ich bevorzuge auch Freiluftsport gegenüber dem Hallensport. Und dazu mag ich einfach das Spiel an sich. Und trotzdem macht es mir großen Spaß, mal was anderes zu sehen.
Eine Skisprungschanze ist schon was Besonderes, die Stimmung beim Eishockey ist für gewöhnlich grandios,
Faustball kannte ich vorher nicht und es war sehr spannend das kennenzulernen, den
Baseball-Länderpunkt Belgien hab ich vermutlich als einziger und eine
Wanderung zum Mont Ventoux ist was fürs Leben. Und so habe ich bisher neben Fußball 35 andere Sportarten gesehen. Kurz überschlagen bin ich bei 80% Fußball und 20% Non-Fußball. Ich plane da nichts konkretes, aber in dem Verhältnis kann es gerne weitergehen.
Frauenfußball
Ich bin ein großer Freund des Frauenfußballs. Ich schaue die 1. Bundesliga der Frauen bei DAZN (die haben ja seit letztem Jahr die Rechte und übertragen jedes Spiel). Und wenn sich live ein Spiel anbietet, bin ich selbstredend dabei. Ich wüsste gar nicht, warum nicht. Doch damit stoße ich eher auf Unverständnis im Bekanntenkreis. Auch in einem Fußball-Podcast habe ich vor nicht allzu langer Zeit wieder sinngemäß gehört: “Da gabs nur noch ein Frauenspiel, da hatte ich dann keinen Bock mehr drauf”. Und so genau weiß ich gar nicht, wo die Abneigung herkommt. Das Argument, dass zu wenige Zuschauer kommen, lasse ich nur beim Eventpublikum zu, also bei denen, die sonst nur Profifußball bei den Männern schauen. Bei Hoppern, die mit 50 Zuschauern in der Kreisliga stehen, passt es nicht. Dass der Fußball zu schlecht ist? Okay, verglichen mit hochklassigen Männerfußball ja, aber wart ihr schon mal in der Kreisklasse? Oder ist die Abneigung eher kulturelle Tradition? Denn ich bin auch damit sozialisiert worden, dass Frauenfußball kein richtiger Fußball sei. Doch dann habe ich mir ein paar Spiele angesehen und festgestellt: Es macht genauso viel Spaß. Mittlerweile gibt es für mich in der Wertigkeit keinen Unterschied mehr. Es ist Fußball, mal von Männern und mal von Frauen gespielt. (Und ich hab gerade nachgezählt, von meinen letzten 16 Handballspielen waren 3 Männer- und 13 Frauenspiele.)
Stadionpunkte vs. Vereinsliebe vs. Event
Klassisches Hopping heißt Grounds sammeln. So viele wie möglich. Doch gleichzeitig sind viele auch Fan eines Vereins. Die einen mehr, die anderen weniger. Die Spiele des Lieblingsvereins will man ja auch hin und wieder sehen. Was hat Vorrang? Die futbology-App startete als Groundhopping-App und hieß auch so. Irgendwann haben sie ihren Fokus auf Vereinsbesuche erweitert und sich in futbology umbenannt. Sie vereinen somit beide Punkte. Auch DWIDS-Woch, “der” Groundhopping-Podcast, verkörpert alle drei Elemente. Eigentlich sind die beiden Jungs Groundhopper und doch verfolgen sie ihren Herzensverein aus Dortmund bei allen Heim- und Auswärtsspielen. Und für besseren Podcast-Content gehen sie eher ein drittes Mal zum Hannover 96 mit entsprechenden Fanszenen, als von irgendeinem Landesliga-Ground zu berichten.
Was treibt uns also an, bei der kommenden Spielauswahl? Ein neuer Ground, der eigene Verein, ein Spiel mit guten Fanszenen?
Nun wohne ich zu weit weg von der Heimat, um in einen wöchentlichen Zwiespalt zu kommen. Und doch muss ich mich hin und wieder zwischen Ground und Spiel entscheiden. Also die Entscheidung treffen, sammle ich lieber einen neuen Ground oder schaue stattdessen ein Spiel mit spannenden Mannschaften und/oder Fans. Ich war in den letzten neun Monaten alleine vier mal in der Rhein-Neckar-Arena. Das kannst du eigentlich keinem glaubhaft erklären. Doch in der Hoffenheimer Europa-League-Serie die gegnerischen Fans von
Olympique Lyonnais,
Steaua und
Tottenham live zu erleben, hat sich sowas von gelohnt. Meine Entscheidung zwischen Ground/Verein/Event ist jeweils recht einfach. Ich wähle das, worauf ich gerade mehr Bock habe.
Qualtitätshopper vs. Casual Hopper
Im besagten DWIDS-Woch Podcast hat Tim mal erwähnt, dass er für ihn schwer ist, die Spanische Liga zu komplettieren. Warum, weil er die Ground nur machen möchte, wenn gleichzeitig gute Fanszenen zu Gast sind - und davon gibt es halt in Spanien nicht viele. Auch wenn sie von anderen Zielen berichten, suchen sie oft die stimmungsvollen Spiele raus. Das zählt dann klar unter Qualitätshopping. Ich muss zugeben, dass sich die Frage bei mir nur theoretisch stellt. Ich hab aktuell nicht die Zeit, mir gezielt gute Spiele in Entfernung rauszusuchen. Ich schaue eher, dass ich in Urlauben die umliegenden Spiele irgendwie einbaue. Und dann muss ich halt nehmen, was kommt. Und dann ist es manchmal sogar besser, wenn es eine Gurke ist, da ich in dem Fall entspannt an Tickets komme. Was würde ich machen, wenn ich viel Zeit hätte? Top-Spiele sind schon reizvoll. Andererseits gibt es auch einen einseitigen Eindruck. So einen gewissen Ligaalltag will ich ja auch erleben. Aber wie gesagt, für mich stellt sich die Frage aktuell eher selten. Solange irgendwo gekickt wird, bin ich zufrieden.
Fazit
Groundhopping ist ein extrem vielseitiges Hobby, das ganz unterschiedlich gelebt wird. Was uns aber alle verbindet, ist die Neugier auf neue Orte, neue Sporterlebnisse und die Faszination, die mit jedem neuen Stadionbesuch einhergeht.
Fußball
Nach all dem Gelaber fehlt natürlich noch der Anlass, warum wir heute in Heusenstamm waren. Ein Viertelfinalspiel im Kreispokal Offenbach, zwischen dem Kreisligisten SG Heusenstamm Zrinski und dem Kreisoberligisten TSV Lämmerspiel stand auf dem Programm. Um einen Punkt von den obigen Gedanken aufzugreifen, war der Eventcharakter des Spiels heute nicht unser Antrieb. Ziel war das Kultur- und Sportzentrum Martinsee. Für einen Kreisligisten ist das ein richtig guter Ground. An beiden Seite steht eine recht große Tribüne, laut Europlan liegt das Fassungsvermögen bei 8000 Zuschauern. Absolut sehenswert.
Vor der Anfahrt hatten wir noch eine gewisse Sorge, dass das Spiel, anders als angekündigt, auf dem naheliegenden Kunstrasen ausgetragen wird. Wäre für Februar jetzt nicht so ungewöhlich. Allerdings gehört der Kunstrasen dem TSV Heusenstamm und nicht der SG Heusenstamm Zrinski. Und somit war die Gefahr gebannt. Bei "ausländischen" Clubs ist es oft so, dass sie keine eigenen Platz haben und sich stattdessen bei einem bestehenden Verein einmieten. Wie es bei Zrinski ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall teilen sie sich den Platz mit dem Rugby-Club Heusenstamm. Neben den Fußballmarkierungen sind somit interessanterweise auch die Rugbymarkierungen sichtbar. Den RK Heusenstamm hab ich sogar schon zweimal gesehen (
2005 in München und
2011 in Heidelberg. Jetzt kenne ich auch ihren Homeground.
Lämmerspiel – was ein großartiger Ortsname. Der Name hat laut Wikipedia aber nichts mit Lämmern zu tun, sondern vermutlich eher mit “Limar Bühl”, was Lehmhügel heißt. Seit 1977 ist es ein Ortsteil von Mühlheim am Main.
Der klassenhöhere TSV Lämmerspiel hatte mehr vom Spiel und ging in der 55. Minute 0:2 in Führung. Gut so, denn bei einem Kreispokalspiel hab ich begrenzt Lust auf eine Verlängerung. Was vermutlich den meinsten neutralen Zuschauern (also Hoppern) so geht. Doch Heusenstamm schaffte den Anschluss und drängte auf den Ausgleich. In der 90. machte Lämmerspiel dann den Sack zu und erzielte das 1:3. Also dachten wir und haben uns bereits Richtung Ausgang vororientiert. Doch Heusenstamm ließ nicht locker und erzielte in der 94. Minute erneut den Anschluss. “Nein! Doch! Oh!” Aber es ging gut, Lämmerspiel hat es über die Zeit gebracht und steht im Halbfinale.